Fachdidaktik Deutsch Vormbaum

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Abendphantasie


 

Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
Der Pflüger, dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
Friedlichen Dorfe die Abendglocke.

Wohl kehren izt die Schiffer zum Hafen auch,
In fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
Geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
Glänzt das gesellige Mahl den Freunden.

Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
Von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh' und Ruh
Ist alles freudig; warum schläft denn
Nimmer nur mir in der Brust der Stachel?

Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
Unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
Die goldne Welt; o dorthin nimmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben

In Licht und Luft zerrinnen mir Lieb' und Leid! -
Doch, wie verscheucht von töriger Bitte, flieht
Der Zauber; dunkel wirds und einsam
Unter dem Himmel, wie immer, bin ich -

Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
Das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
Du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.

Diese Ode ist, wenn man ihre Entstehungsgeschichte verfolgt, eng mit der Ode"Des Morgens" verknüpft, welche im Entwurf bezeichnenderweise den Titel „Morgenphantasie“ trug (vgl. Friedrich Beißner, Hölderlin. Reden und Aufsätze. Weimar 1961, S.59ff.). Letzteres Gedicht ist hymnischer in der Anrufung des goldenen Tags, mündet aber ebenso in die Selbstbescheidung des lyrischen Ich wie die „Abendphantasie“, spätestens im Juli 1799 entstanden (vgl. Gerhard Kaiser, Geschichte der deutschen Lyrik von Goethe bis Heine. Frankfurt 1988, S.183). 

Das Gedicht bezieht seinen Reiz aus der Ambivalenz der „Abendphantasie“ – sie kann einmal als Bild, als Idylle einer Abend-Landschaft, zum anderen, als Gedanken, die sich das lyrische Ich am Abend (= Lebensabend?)macht, verstanden werden. Dabei baut sich zunächst in den ersten beiden Strophen das äußere Bild einer arkadischen Landschaft (Land, Pflüger, Zufriedenheit) auf. Ob Heimat oder Ferne (der Pflüger, der Wanderer, die Schiffer), der Abend verspricht Einkehr, Geselligkeit und Stille. Doch das lyrische Ich kann, wie die dritte Strophe zeigt, in dem geregelten Ablauf von „Lohn und Arbeit“ bzw. in dem harmonische Wechsel von „Müh und Ruh“ keinen Eingang finden, vielmehr bleibt es in seiner Suche und seinem Schmerz außen vor, wie dies die vorgelagerte existentiell verknappte Frage „Wohin denn ich?“ und die nachgestellte Leiderfahrung (Stachel in der Brust) verdeutlichen. Das Gefühl fehlender Zugehörigkeit und Einkehr setzt eine maßlose Sehnsucht frei, in der die Bilder einer dialektischen Entsprechung sich zu einem himmlischen Phantasiegebilde wandeln, in dem sich Ende und Anfang, Abend und Frühe (vierte Strophe) vereinen. Doch diese Fluchtphantasie erlischt, die Nacht kommt, das Ich wird sich seiner Einsamkeit bewusst (fünfte Strophe).

Worin aber gründet das Gefühl des Ausgestoßenseins und der Einsamkeit, das das lyrische Ich so eindringlich empfindet? Die Schlussstrophe scheint deutlich zu machen, dass der Schmerz aus dem übermäßigen Festhalten an der Jugend resultiert. Die Abendphantasie mündet in die Einsicht, das Verglühen der Jugend und den Lebensabend anzunehmen, sich dem „stachellosen“ Schlummer hinzugeben. Schwingt da in der Quintessenz „Friedlich und heiter ist dann das Alter“ nicht auch Ironie mit?

Tod, Vergänglichkeit

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