Fachdidaktik Deutsch Vormbaum

Informationen und Materialien zum Fach Deutsch und seiner Didaktik

Die Wiedergabe von Inhalten stellen wir uns in unserem technischen Zeitalter recht einfach vor. Man reproduziert sie einfach, ohne Zusätze und ohne Abstriche. Unser obiges Bild könnte ich einfach auf den Kopierer oder auf den Scanner legen - schon ist der Inhalt des Bildes 1:1 wiedergegeben, eventuell sogar in Farbe. Will ich aber nicht einfach nur eine bloße Kopie anfertigen, ist die Darstellung des Inhalts schon nicht mehr so selbstverständlich. Es tut sich dann nämlich schnell die Frage nach dem Zweck der Inhaltsangabe auf. Warum will ich die Inhalte wiedergeben?  Folgende Möglichkeiten kommen in Betracht:



Auf andere Personen bezogen lassen sich - schriftlich wie mündlich - zwei grundsätzliche kommunikative Situationen festhalten. Entweder ich möchte eine möglichst objektive und vollständige Infomation über den Inhalt abgeben, in diesem Fall zähle ich am besten einfach alle Gegenstände auf dem Bild auf. Eine andere Möglichkeit ist es, meinen Gesprächspartner dazu zu bringen, sich das Bild selbst anzuschauen. Ich könnte entweder einen ersten, möglichst anregenden oder furchtbaren Eindruck von dem Bild vermitteln oder einzelne Gegenstände auf dem Bild in ihrer Besonderheit hervorheben. Im ersten Fall ist meine kommunikative Absicht informativ, im zweiten appellativ.
Weniger offensichtlich, aber auch möglich ist es, sich allein mit dem Bild auseinanderzusetzen. Ich könnte  z.B. als Schüler die Aufgabe bekommen haben, das  Bild zu beschreiben, und müsst nun darlegen, wo sich welcher Gegenstand befindet (ob diese Schreibform hier Sinn macht, da es sich um keine eigentliche Bildkomposition mit Vorder- und Hintergrund handelt, ist eine andere Frage). Es könnte aber auch sein, dass ich mich einfach mit dem Bild befassen möchte, vielleicht will ich verstehen, was es darstellt (ist das z.B. eine Rumpelkammer oder ein Flohmarkt?), will seine Anordnung begreifen, die abgebildeten Gegenstände nach Kategorien gliedern (z.B. Spielzeug, Möbelstücke, etc.) oder Wichtiges von weniger Wichtigem absondern. Beide Schreibformen würden sich erheblich unterscheiden, die Bildbeschreibung ist in der Tendenz deskriptiv, der zweite Text ist dagegen in seiner heuristischen, strukturierenden Ausrichtung argumentativ.

Inhalte können also auf unterschiedliche Weise und in ganz unterschiedlichen Situationen mit oder auch ohne Adressatenorientierung wiedergegeben werden. Zur schulischen Standardform der Inhaltsangabe gelangen wir, wenn wir anstelle der Bildvorlage einen Text heranziehen, in der Regel einen Erzähltext, z.B. eine Kurzgeschichte. Analog zur Umgangsweise mit dem Bild könnten wir nun folgende Formen von Inhaltsangaben unterscheiden:

 

Die gängige Aufsatzform der Inhaltsangabe ist also kein Gebrauchstext in der Alltagswelt, sie dient für den Deutschunterricht in aller erster Linie als Lernmedium zum Verstehen von Texten, insbesondere von fiktionalen Texten. In dieser Funktion begleitet sie den Gymnasiasten bis zum Abitur mit wachsender Anforderung. In der siebten Klasse beginnt der Deutschschüler mit der Inhaltsangabe einfacher Erzähltexte, z.B. Anekdoten und Kalendergeschichten, in der Regel also Erzählungen, die sich als Erzähltes mit einem chronologischen Handlungsverlauf ausweisen. Im Fortgang der Mittelstufe werden nicht nur die fiktionalen Textvorlagen mit der Kurzgeschichte oder dem Gedicht wesentlich schwieriger, auch die Inhaltsangabe erweitert sich um einen sogenannten interpretativen Teil (= erweiterte Inhaltsangabe) und führt damit zum Interpretationsaufsatz der Oberstufe. Hier sind die Textvorlagen häufig dann Ausschnitte aus Ganzschriften (Abi-Sternchenthemen) oder auch Sachtexte aus den Printmedien zum Verfassen einer Analyse mit Stellungnahme.
Die Inhaltsangabe gilt als die am meisten unterschätzte Aufsatzform. Dem Schüler wird abverlangt, sich vom Bann des Primärtextes zu lösen und sich ihm analytisch gegenüber zu stellen. Im Grunde muss er den fiktionalen Text entpoetisieren. Diese distanzierte Haltung fällt dem Schüler schwer, nicht zuletzt wenn er in der affinen Schreibform der Nacherzählung aus der Orientierungsstufe gewöhnt war, die Handlung aus der Identifikation mit dem Geschehenem heraus zu schildern. Wie der Begriff schon sagt, ändert sich in der "Nach-Erzählung" die Textsorte nicht wirklich, bei der Inhaltsangabe muss der Schüler dagegen eine Abstraktionsleistung vollbringen und anstelle eines narrativen Textes einen argumentierenden Text verfassen.

Aufgrund dieser Schwierigkeit wird der Schüler mit gut gemeinten Regeln zum Verfassen einer Inhaltsangabe konfrontiert, die aber wenig helfen.  Die Kriterien sind immer wieder die gleichen, etwa so:

Ohne Zweifel ist es sinnvoll, dass die Schüler diese Regeln kennen. Allerdings verharmlosen sie die Anforderungen an eine Inhaltsangabe. Zum Beispiel: Es erscheint  plausibel, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Aber was ist das Wesentliche? Bei einem Blick auf unser Bild ganz oben dürfte es schwer fallen, diese Frage so leicht zu beantworten. Ist es das Schaukelpferd, weil es mich an meine Kindheit erinnert, oder sind es die Möbelstücke?  Die Entscheidung für das Wesentliche ist immer schon ein subjektiver Akt der Deutung. Und: Dieser subjektiven Entscheidung wird das Willkürliche erst dann genommen, wenn ich das Wesentliche aus dem Zusammenhang des Bildes ableite, also hier z.B. aus dem situativen Kontext, etwas auf dem Flohmarkt verkaufen zu wollen. Auf den Erzähltext bezogen heißt das, dass ich das Wesentliche erst herausfiltern kann, wenn ich das Ganze der Geschichte verstanden habe, also ihre Bedeutung, ihr Thema. Diese Verstehensleistung ist allerdings nicht so selbstverständlich, wie diese Regel für die Inhaltsangabe hier daherkommt. Dies gilt auch für die anderen Kriterien, von denen ich noch eines herausgreifen möchte. Den Lernenden einzutrichtern, in der Inhaltsangabe das Präsens als Tempus zu gebrauchen, scheint oft wie eine Sisyphos-Arbeit zu sein, verfangen sich die Schüler erst einmal in den vorgelegten Erzähltext, schleicht sich im Aufsatz fast automatisch wieder das Präteritum ein. Hier wie bei den anderen Refgeln könnte es helfen, ihren Sinn zu hinterfragen. Also, warum gibt es ein episches Präteritum, wieso verwendet man bei der Inhaltsangabe das Präsens? Schülern oder auch Studenten ist oft überhaupt nicht die ästhetische Grundkonstuktion klar, die einer jeden fiktionalen Geschichte zugrunde liegt: Man erzählt rückblickend ein besonderes Geschehen aus der Vergangenheit, daher das epische Präteritum. In der argumentierenden Inhaltsangabe setzt man sich mit dem Erzähltext auseinander, das heißt man stellt sich ihm gegenüber und macht ihn im Hier und Jetzt (Gegenwart) zum Gegenstand der Analyse. In der affinen Schreibform der Nacherzählung ahmt man dagegen das Erzählen nur nach, das heißt man bleibt im Erzähltempus der Vergangenheit.

Mir scheint es wichtig zu sein, dass man den Schülern nicht nur die Regeln für eine Inhaltsangabe an die Hand gibt, sondern ihnen auch Situation und Zweck dieser Schreibform klar machen kann. Zusammen mit den fünf Fragen, die den inhaltlichen Kern einer Erzählung ermitteln, lässt sich dann das Schreibunternehmen "Inhaltsangabe" hoffentlich erfolgreicher bestreiten.

Hier noch ein Lernzirkel zur Inhaltsangabe, der vor allem für das abschließende Training vor der Klassenarbeit (8. Klasse) geeignet ist:

pdf Lernzirkel zur Inhaltsangabe (547 KB)

 

 

 

 

 

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